Andreas Burkardt – “Freund der Berge”

Eröffnung: 30. Juni 2015
Ausstellung: bis 26. Juli 2015

Eröffnungsrede: Jens Höffken

andreas ausstellungsansic Kopie
Foto: Elke Meisinger

Eröffnungsrede von Jens Höffken:

“So, Freund der Berge! Nun zu uns beiden. So klingt das Wortecho der Faust, die geflogen ist. Und der süße Klang dieser Worte verkehrt sich in eine Verachtung der Süßlichkeit. Jede Macht leidet an ihren urtümlichen Dilemma. Wenn die Macht, weil zu grob; weil zu stumpf; weil zu drohend; an ihrem begehrten Ziel scheitert, dann kehrt sich der Habitus der Macht in einer einzigen Sekunde um. Die Faust die fliegt. Und er (da unten), Freund der Berge, hat bekommen, was er sich einzig abholen konnte.

Es gibt eine einzige Möglichkeit, der so drastisch überlegenen Macht zu begegnen. Egal, ob dem ausgesprochenen Tiger von Walding, ob Stalin, ob dem Rübezahl. Die einzige Möglichkeit der Erweichung des Herzens eines Giganten liegt in der Rührung. Betteln hilft gar nichts, Gegenangriff schon eher, führt aber zur Niederlage. Die Rührung des Giganten ist das einzige Mittel, auf das sich gelegentlich bauen lässt.

So wie die Königstochter den übermächtigen Rübezahl rührt, so geht es auch in einer kleinen Anekdote, die vor kurzem im neuen Romans Kunderas Erzählung fand. Michail Iwanowitsch Kalinin befand sich häufig in der Nähe Stalins. Kalinin erreichte keinen Ruhm, keinen Namen, keine Größe. Das, womit er Stalin rühren, bestätigen und gleichsam für sich gewinnen konnte, war seine Inkontinenz. Wenn Kalinin auf Toilette rannte, musste er häufig am lamentierenden, witzelnden Titan vorbei. Und geduldig, bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, bepinkelte er sich ein für’s andere Mal vor dem großen Tiger. Stalin, durch so ehrliches, einfaches Schicksal gerührt, das gleichermaßen die direkteste Form des angsterfüllten Respekts gegenüber dem Diktator ausdrückte, schloss Kalinin ins Herz. Und um ferner der Welt zu zeigen, dass seine Macht so umfassend ist, dass er sich nicht einmal mehr des Glanzes großer Namen bedienen muss, taufte er nach ihm Kaliningrad.

Der Titan geht über Leichen. Die Massen um ihn herum: die Rüben; die Kühe; die Gleichförmigkeit. Das kann gut eine Metapher für jeden Faschismus abgeben. Und herausgepickt aus der Masse: das viel zu grob berührte Objekt der Begierde. Die Prinzessin, zu deren Eroberung weder Charme noch Ausdruck zur Verfügung stehen. Unter allen verachteten Kühen: die einzige geliebte Kuh. Weil es eben seine Kuh ist. Hitlers Blondie; Rübezahls Prinzessin; Stalins Kalinin.

Dieser erdrückende Berg an Geschöpfen ist Untertan und Unerreichbarkeit zugleich. Das ist wiederum Unglück des Titans. Wie er sich vor dem Unterworfenen fürchten muss! Das ist die Einsamkeit der Macht. Das ist der dürre Acker der Freundschaft, auf dem Putin oberkörperfrei ausreitet.

Manchmal ist dieser erdrückende Berg auch die Liebe selbst. Oder die bedrohliche Umscharr der Liebe, der Mob. Und wieder fliegt die Faust des Sprachlosen. So, Freund der Berge, nun zu uns beiden! Oder der Stammtisch, der nach einer Straßenbahnfahrt durch unverstandene Kulturen einzig brüllt: So, Freund der Berge! Jetzt schaust’ dich an. So klingt das Wortecho der Faust, die geflogen ist. Manchmal ist diese Faust häßlich. Manchmal ist diese Faust schön. Manche müssen sich abholen, was sie sich einzig abholen können. So, Freund der Berge! Jetzt zu uns beiden.”

Der Künstler Andreas Burkardt beschäftigt sich ausschließlich mit sich selbst. Amen.

Website Andreas Burkardt

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Plakat: Kunsthalle Linz

Kuratorin: Claudia Keil

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